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Bye, bye - und was bleibt?

image Gestern Abend war es noch einmal so richtig voll (Bild: neben „Happy Sailor“), auch zu sehen an den Autos: Die Dorstener Straße war bis weit in Richtung Eickel zugeparkt. Insgesamt 4,5 Millionen Besucher sollen in diesem Jahr nach Crange gekommen sein, so viele wie schon lange nicht mehr. Dabei ist zu berücksichtigen, dass ein und dieselbe Person mehrere Besucher ausmachen kann: Da ich (für Sie und für mich) elf Mal auf der Kirmes war, zähle ich für elf Besucher. Wieso ich elf Mal hingefahren bin? Letzten Montag stand mittags der Besuch des Schaustellerwagens an, abends dann rein mein persönliches Vergnügen. 2005 absolvierte ich sogar noch ein paar mehr „Doppelbesuche“.

Die Besucherzahl entstammt der Polizeischätzung. Die Ordnungshüter hatten mehr Einsätze als im letzten Jahr, dafür aber weniger schwerwiegende. Somit sei die Kirmes insgesamt ruhiger und friedlicher gewesen. Das bestätigte auch das Deutsche Rote Kreuz, die Sanitäter verzeichneten sogar weniger Einsätze, dabei ging es meistens um Mückenstiche. Sonntagabend klang die Cranger Jahreszeit mit einem Feuerwerk aus.

image Und was bleibt hängen? Für mich auf jeden Fall die Aussage, die bereits vor der Kirmes zu vernehmen waren: „Was? Kein Europäisches Dorf in diesem Jahr?“ „Almhütte? Na ja…“ Viele Kirmesgänger zeigten sich von vornherein skeptisch, als bekannt wurde, dass ein „Tiroler Dorf“ diesmal das traditionelle Europadorf ersetzt. Hier gab es immer Spezialitäten aus vielen Ländern, sei es Flammkuchen, Lángos, Pfifferlinge, türkische Pizza oder französischer Wein. Diesmal an selber Stelle: „Tiroler Spezialitäten“.


Die Almütte

image Als ich als erste Mal die „Almhütte“ betrat, dachte ich mir nur: „Oh… mein… Gott.“ Sowohl vom Aussehen der Hütte als auch vom beißenden Geruch war ich erschüttert. Es roch nach verkohlter Fleischkruste, gepaart mit einer Brise verschüttetem Bier. Dieser Schrecken ist einfach zu erklären: Weder bayrische Bierexzesse, noch mächtige deftige Fleischerzeugnisse sind mein Fall. Ein leidenschaftlicher Fleischesser mag deshalb anders über die Tiroler Hütte denken.

image Mir gefallen Schweinshaxe, Schinken, Würschtel und weitere Fleischkollegen aber gar nicht. Das Spanferkel halte ich für abstoßend. Wäre es nicht ähnlich, wenn wir einen Hund öffentlich aufspießen und wenden würden? Hunde besitzen schließlich eine vergleichbare Intelligenz wie Schweine. Das einzige halbwegs annehmbare Gericht für mich sind hier Backkartoffeln und geräucherter Fisch. Doch selbst wenn ich mit allen Gerichten Vorlieb nehmen könnte: Das Innere der Hütte ist sehr sehr dunkel, die Atmosphäre wirkt daher einerseits sogar ein wenig bedrückend. Auf der anderen Seite spielen bayrische Partymusiker, die künstlich Stimmung erzeugen sollen. Ich glaube aber, dass bayrische Feierkultur hier im Ruhrgebiet nicht so erfolgreich sein kann. Das eine traditionelle Bayernzelt auf Crange reicht vollkommen aus.

Dennoch schaute ich mich nach einigen Lichtblicken in der Almhütte um, ich suchte nach positiven Dingen, über die ich schreiben kann. Und siehe da, ich fand einige nette Details, die der Zierde dienen: Auf den flachen Tischen liegen Baumscheiben, in denen drei kleine Löcher eingelassen sind. Dort finden drei Teelichter Platz – tolle Idee, tolles Kerzenlicht.

Auch die Stehtische in Baumstammform haben es mir angetan: So einen Tisch hätte ich gerne im Garten. Waldatmosphäre beim Abstellen des Trinkglases.

Dem Trinken folgt letztlich irgendwann immer ein Besuch der Toiletten. Diese sind in der Almhütte ausgezeichnet! Die einzelnen Pissoire sind ordentlich und sauber, der Geruch zeichnet sich durch eine neutrale Note aus und der Fußboden ist trocken, bleibt nicht unter den Füßen kleben. Der Klomann kontrolliert regelmäßig Klopapier und leert die Mülleimer der Papierhandtücher.

image Witzig Idee: der Barhocker mit Beinen im Stil eines bayrischen Lederhosenträgers (Foto). Die Sitzfläche ist dann auch tatsächlich aus schwarzem Leder.



Gar nicht in die bayrische Atmosphäre passt allerdings das Lichternetz, das den Außenbereich überspannt und einen Sternenhimmel imitieren soll. Dennoch ist das Lichternetz sehr schön und schafft eine romantische Stimmung. Wenn man jetzt noch die Hütte wegnähme und daneben wieder ein Europäisches Dorf setzen würde…

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Mehrfach habe ich es vernommen, dass ich nicht der einzige bin, der 2007 wieder einen nachgemachten Eiffelturm an gewohnter Stelle sehen – so wie die kleinere Turmversion auf der Spitze eines Crêpes-Standes.

Sky Screamer

image Den letzten Kirmestag habe ich genutzt, um eine Testfahrt auf dem „Sky Screamer“ zu unternehmen. Die Wartezeit betrug am Abend teilweise bis zu einer Stunde, ich hatte allerdings Glück: Da ich zunächst alleine war, konnte ich mich zwei jungen Männern anschließen, die bereits etwas weiter vorne in der Warteschlange ausharrten. Denn maximal drei Personen können zugleich fliegen, die Fahrt kostet insgesamt in jedem Fall 40 Euro. Zu zweit macht das dann 20 Euro pro Person, zu dritt knapp 13 Euro.

Als mir ein Mitarbeiter des Fahrgeschäfts das Fluggeschirr anzog und ich mich auf die Hebebühne begab, hatte ich durchaus ein wenig Bammel. Auch als wir rückwärts hinaufgezogen wurden, war mir noch ein bisschen mehr mulmig. Von unten sieht das Gestänge schon hoch aus, aber von oben ist alles plötzlich noch viel höher…

Mein Nebenmann zieht die Reißleine, wir stürzen herab. Im ersten Moment schreien wir alle, die ersten zwei Sekunden sind wirklich sehr aufregend – klasse! Kurz darauf realisiere ich, dass ich gar nicht hätte schreien müssen. Denn auf dem bekannten „Power Tower“ (in diesem Jahr nicht auf der Kirmes) fühlt sich der Magen viel schwereloser an, ist das Gefühl wesentlich intensiver. Grund: Am Turm stürzt man senkrecht hinunter, auf dem „Sky Screamer“ entlädt sich die Energie auch seitwärts. Dafür kommt 100 km/h Geschwindigkeit hinzu.

Nach dem ersten Fall kommt das etwas langsamere Hin-und-her-Pendeln, recht harmlos. So ziehe ich mein Fazit: Nette Erfahrung, aber weitaus weniger „schlimm“ als erwartet. „Power Tower“ macht mehr Spaß! Zumal dieser auch mehrmals hoch und wieder hinunter fährt.

Wenn mir übel geworden wäre, hätte ich mich an der „Kleinsten Reiseapotheke der Welt“ versorgen können. Gemeint ist ein Bus, aus dem ein Schausteller diverse Öle und Naturheilmittel verkauft. Allerdings muss ich widersprechen: Das ist nicht die kleinste Reiseapotheke der Welt. Diese gehört nämlich mir und bestand beim letzten Urlaub allein aus drei Pflastern.

Bessere Planung Festzuhalten bleibt auch, dass die Kirmesverwaltung Planung und Aufteilung der Kirmes verbessert hat. Trotz vieler Besucher blieben größere Staus oder komplette Stillstände auf dem Platz aus. Das liegt daran, dass Geräte, bei denen viele Leute stehenbleiben und zuschauen, nicht nebeneinander aufstellt waren. Außerdem landeten einige Publikumsattraktionen (wie “Sky Screamer” in Nebengassen, was die Stausituation weiter entschärfte.

Churro, Churro, Churro

image Ein letztes Mal Churro essen. Gestern durfte es die dicke Gebäckstange mit Vanillefüllung sein, deliziös – vielleicht das leckerste, was ich auf dieser Kirmes gegessen habe. Für Daheim wollte ich mir noch die Miniversion der Schokochurros mitnehmen, davon waren allerdings nur noch ein paar vorhanden. Die Preise liegen eigentlich – sowohl für eine große Stange als auch für eine Tüte Minichurros – bei 3 Euro. „Hm“, überlegt die eine Verkäuferin, schaut auf die restlichen Minichurros und sagt zur Kollegin: „nimm dafür nur einsfuffzich“. Schließlich ergaben die restlichen Minichurros nicht mehr eine voll Portion. Hey, dachte ich, das erste Mal, dass die Verkäuferinnen einem hier entgegen kommen und nett sind (abgesehen davon, dass ich für fünf Minichurros nie den vollen Preis bezahlt hätte).

image Als ich dann mein Geld herauskramte und neben den 3 Euro für den großen Churro 1,50 für die verminderte kleine Portion suchte, sagte mir die zweite Verkäuferin: „Geben Sie mir 5 Euro, das passt dann schon“ – als wenn sie mir erneut entgegen kommen würde. Moment Mal – das sind doch 50 Cent mehr als gerade noch gefordert? Na ja, auf diese Diskussion hatte ich dann auch keine Lust mehr und legte einfach 5 Euro hin…

Ahoi

Symbolisch verabschiede ich mich mit dem „Crange“-Schiff des Happy Sailors, das nun für ein Jahr woanders in See sticht. Auf http://cranger-kirmes.de/ läuft schon bald der nächste Crange-Ticker, er zählt die Stunden bis zur nächsten Kirmes.

image Allen gelegentlichen und insbesondere den regelmäßigen Lesern meines Weblogs: Ich hoffe, dass Sie ein wenig mehr über die Cranger Kirmes erfahren konnten als sich allein vom eigenen Besuch des Platzes ergab. Vielen Dank für Ihr Interesse!
 
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